Mythos Wasser – eine multikulturelle Spurensuche – Hans-Curt Flemming

Wasser als Grundlage allen Lebens – und in anderer Konzentration als Bedrohung von Leben – spiegelt sich in seiner Relevanz für den Menschen auch in der Poesie, Musik und generell der Mythologie wider. Der Wasserwissenschaftler Hans-Curt Flemming vollzieht den „Fluss“ des Wassers durch die Mythen der Menschheit nach. Dabei scheint Wasser in allen Mythen bereits eine Grundlage der Schaffung der restlichen Welt zu sein. Es ist immer schon da. Auch wissenschaftlich gesehen stellt Wasserstoff eines der „Gründungselemente“ des Universums dar. Damit sich auf einem Planeten allerdings Leben entwickeln kann, muss es genau im richtigen Aggregatzustand sein, d.h. der Abstand zur Sonne muss stimmen. Mythen haben dabei zunächst genau wie wissenschaftliche Theorien die Aufgabe, die Welt in einem einheitlichen Bild zu fassen. Wo sich die (Natur-)Wissenschaft allerdings auf die materielle Welt konzentriert, umfasst der Mythos auch die metaphysische, seelische oder spirituelle Welt. Um im Mythos Leben letztlich den Menschen entstehen zu lassen muss die Urflut, das Chaos, geordnet und Land und Wasser müssen voneinander getrennt werden. Dieses Element ist allen Weltreligionen gemein. Für diese Schöpfungstat ist im Christentum, Judentum und im Islam bekanntlich Gott verantwortlich. Älter noch (babylonisch) ist die Vorstellung der Überwindung einer Wasserschlange. Auch im alten Ägypten (das Urgewässer Nun), in China und Indien (wo Vishnu in die Urflut hinabsteigen muss) in Papua-Neuguinea, bei den nordamerikanischen Ureinwohnern, den Wikingern und in Griechenland steht am Anfang das Wasser. Man kann Wassermythen also als universales Element in Schöpfungsgeschichten auf der ganzen Welt finden. Neben den griechischen Sagen ist auch die vorsokratische Naturphilosophie erfüllt vom nassen Element. Als Lebensspender, aber auch als göttliche Strafe, in der biblischen Sintflut und ihren mesopotamischen und persischen Vorläufern, in indischen und nordamerikanischen Sagen und Mythen, in der Südsee und im antiken Griechenland taucht das Wasser in dieser vernichtenden, aber auch spirituell reinigenden Form auf. Die spirituelle Wiedergeburt in Form der Taufe, aber auch die Sakramente, in denen Weihwasser eine tragende Rolle spielt, tragen dieses Element nicht nur im Christentum weiter. Neben christlichen Pilgern wandern auch hinduistische Gläubige zu heiligen Quellen, Teichen oder Flüssen (und das trotz der offenkundigen Verschmutzung des Ganges). Die Verbindung des Wassers mit seinem Gegenpol, dem Feuer, wird symbolisiert durch den Regenbogen, der ebenfalls vielen Religionen heilig ist.

Dem Wasser wohnt nicht nur in der Hygiene eine tatsächlich reinigende, sondern in Mythen und Religionen auf unserem gesamten Planeten auch eine spirituell reinigende Kraft inne. Die Notwendigkeit des Elements für jedwedes Leben spiegelt sich in den frühen Schöpfungsvorstellungen aller Menschen wieder.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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